Operation Willkür, Teil 1 - Einleitung -
Pünktlich zum 100. Geburtstag des wohl bekanntesten Widerstandskämpfers des 3. Reiches am 15. November und rechtzeitig vor dem Kinostart der erneuten Verfilmung seiner großen, wenn auch misslungenen Tat, möchte ich die Katze aus dem Sack lassen und dem geneigten Leser einige Hintergründe des 20. Juli 1944 und dem damit verbundenen Namen Stauffenberg nahebringen - und was das für uns heute meiner Meinung nach bedeutet.
Obwohl es sich nur um einen winzigen Aspekt des zusammenbrechenden Unrechtsstaates handelt, ist es jedoch von ungeheurer Komplexität. Ich werde versuchen, jeweils alle historisch belegten Fakten, alle nicht mehr verifizierbaren Aussagen, alle Fremdmeinungen und meine eigene Meinung als solche kenntlich zu machen, damit niemand in irgendeine Richtung manipuliert werden muss, wenn er seinen Kopf zu Hilfe nimmt. Ich bitte jetzt schon um Verzeihung, wenn mir das nicht immer gelingt.
Die Folge wird sein, dass sich bei den Lesern je nach persönlichen Erfahrungen und der jeweiligen Lebenssituation ein differenziertes Bild ergibt. Es ist nicht meine Absicht, allen Lesern meine Sicht der Dinge auf zu “missionieren”, wie es üblich ist. Polarisierung wird sich nicht vermeiden lassen. Ich werde Stellung beziehen; als nicht-Journalist brauche ich nicht politisch korrekt ausgewogen zu sein. Selbst Journalisten sind es ja zu einem immer größeren Teil heute nicht.
Beginnen möchte ich mit einer subjektiven, unvollständigen und vereinfachten Darstellung, wie es aus meiner Sicht überhaupt zu einem Regime kommen konnte, gegen das man Widerstand zu leisten hatte:
Der erste Weltkrieg war vorüber, die 20-er Jahre brachten den Deutschen der damaligen Zeit die Weimarer Republik. Eine offene, demokratische Gesellschaft grundsätzlich kapitalistischer Prägung unter der Leitung des Sozialdemokraten Friedrich Ebert, einem Demokraten reinsten Blutes.
Leider nicht verstanden - nicht von links, geschweige von rechts. Vorübergehender Wohlstand. Amerika gilt als großes Vorbild, in Berlin tanzt man Charleston. Ein Putschversuch Adolf Hitlers 1923 scheitert (sic!). Aber die Inflation nimmt rasant zu (ein Brot kostet 2 Milliarden Reichsmark - vormittags…). Die Reichsmark wird von der Rentenmark abgelöst, was zwar vorübergehend Stabilität bringt, aber die soziale Ungerechtigkeit verschärft. Friedrich Ebert stirbt 1925. Amerika erlebt 1929 die größte Wirtschaftskrise seiner Geschichte und reißt Deutschland mit hinein. Tausende stehen vor den Banken, denen sie nicht mehr trauen (sic!) und wollen ihr Erspartes. Die aber machen für eine Woche zu. In Deutschland wächst die Arbeitslosigkeit und die Unzufriedenheit. Eine Gruppe bekommt immer mehr Zulauf. Eine Gruppe die einiges verspricht: Arbeit für alle! Sicherheit (zum Preis von Freiheit freilich - das liegt in der Natur der Sache). Und man verspricht die Schuldigen an den Verhältnissen zu beseitigen. Nach dem Scheitern der Großen Koalition 1930 stellt Präsident Hindenburg den konservativen Heinrich Brüning an die Spitze eines Kabinetts, das ohne Mehrheit im Reichstag regiert - die parlamentarische Demokratie ist am Ende. Brünings Notverordnungen umfassen unter anderem einen harten Konsolidierungskurs um den staatlichen Haushalt auszugleichen. Der soziale Wohnungsbau kommt zum Erliegen, Beamte kaufen weniger, als ihre Gehälter gekürzt werden, Steuererhöhungen senken die Nettolöhne, die Binnennachfrage bricht weg. Hindenburg ist zwar oberster Repräsentant der Demokratie, aber im Herzen lehnt er sie ab. Das nutzen die antidemokratischen Kräfte, die “alten Eliten” um…
Wie es weiterging hat jeder Deutsche je nach Alter sicher bis zur Übelkeit eingetrichtert bekommen. Es ist durchaus möglich, dass gerade diese Tatsache eine Art Widerspruch herausfordert in der Art des heranwachsenden Jugendlichen: “Lass mich doch meine Erfahrungen gefälligst selber machen”. Wie gesagt, das ist nur eine mögliche Theorie, die erklären könnte, was derzeit vorgeht. Die Nervosität, die das Thema herausfordert, wird hervorragend an dem “Fall” Eva Herman(s) deutlich.
Persönliche Anmerkung: Die Moslems von damals hießen Juden. Ansonsten war’s irgendwie genauso wie heute.
Soviel aus einem der vielen möglichen Blickwinkel auf das Feld, das bereitet war, die Saat aufgehen zu lassen. Ein Feld, das inzwischen gerodet, gepflügt und neu gedüngt wurde. . .
Um eine möglichst umfassende Sicht auf die historischen Ereignisse zu bekommen, habe ich zunächst die Biographie Stauffenbergs gelesen und zwei Filme angesehen: “Der 20. Juli” von Karl Löb aus dem Jahre 1955. Den habe ich geschaut, weil er - nur elf Jahre nach dem Anschlag, aber auch 10 Jahre nach dem Zusammenbruch des Naziregimes - zumindest von Zeitzeugen gedreht wurde. Da aber Geschichte immer von den Siegern geschrieben wird, muss man hier vorsichtig sein, einer Glorifizierung nicht zu erliegen. Gottseidank ist Stauffenberg in diesem Film nicht der strahlende Held, sondern eben nur ein Wehrmachtsoffizier, dessen Gewissen besser spät als nie einsetzt. Doch dazu später.
Der zweite Film ist “Stauffenberg” von Jo Baier aus dem Jahre 2004. Den habe ich geschaut, weil er zum einen gute Kritiken hat, aber auch weil er mit einem gewissen Abstand von 60 Jahren entstand. Viel Geschichte ist inzwischen korrigiert. Aber die Frage blieb: Ist er zum Helden hochstilisiert worden? Um die Antwort gleich vorwegzunehmen: Ja, ist er.
Was schade ist. Sein Afrikaeinsatz, der ihn das Auge und eine Hand kostete, wird nur “erwähnt”. Viele verschenkte Gelegenheiten, den Oberst als das zu zeigen, was er war: Hochdekorierter Offizier der Nazis. Und das ist er nicht geworden, weil er als Familienvater theatralisch von einem “friedliebendem, gerechten Volk” geträumt hat. Da hat wohl eher Jo Baier geträumt - wie auch immer, wir waren beide nicht dabei. Dennoch war er sicher weiter von einem idealistischen Pazifisten entfernt, als dieser Film glauben macht. Eine Überraschung: Olli Dittrich als Josef Goebbels privat - das hat er drauf, muss man ihm lassen. Wer mag, kann sich ja selbst überzeugen.
Die Frage nach der Glorifizierung Stauffenbergs ist für mich vor allem deswegen wichtig, weil im kommenden Kassenknüller “Valkyrie” Mr. ‘Top-Gun’ Tom Cruise aus amerikanischer Sicht die Geschichte beleuchtet. Eine Rezension dazu gebe ich ab, nachdem ich den gesehen habe. Ich gebe zu, nicht ohne Vorurteile darauf zu warten, bin aber bereit, mich überraschen zu lassen - angewärmt habe ich mich ja schon.
Würde ich diese Serie hier nicht schreiben, ginge ich nicht hinein. Und ich mache mir die Arbeit einer Stauffenberg-Serie nicht, um eine Rechtfertigung zu haben, reinzugehen - hab’ ich nicht nötig. Immerhin habe ich Titanic auch dreimal im Kino gesehen. Na und? Muss ich mich rechtfertigen? Eben!
Nach dieser Einleitung im 2. Teil eine Kurzbiographie des Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Obwohl sie in der Wikipedia schon sehr gut zusammengefasst ist.Click