Meine Tageszeitung steht ja wegen ihrer Nähe zu Bertelsmann nicht gerade im Verdacht lobbyismusfeindlich zu sein. Darum zitiere ich hier einen glücklichen Ausreißer einmal in voller Länge:
Atomunfall und keiner merkt’s
Uran-Austritt in Frankreich wird heruntergespielt
TAGESTHEMA
VON HANS-HERMANN NIKOLEI
Paris (dpa). Die französischen Behörden behandelten den Atomunfall von Tricastin am Unterlauf der Rhone wie eine Bagatelle. 14 Stunden verstrichen, bevor der Vorfall eingestanden und die Bevölkerung erstmals gewarnt wurde, wie die Umweltorganisation Greenpeace sagt. Die Behörden räumen sechseinhalb Stunden ein. Dabei vermieden die Staatsvertreter das Wort „Strahlung“, so lange es ging.
Es wurde nur die Menge des ausgetretenen Urans in Gramm pro Liter angegeben. Dass insgesamt 360 Kilogramm des radioaktiven Elements entwichen waren, musste der aufmerksame Bürger selbst ausrechnen. Am nächsten Tag wurde diese Zahl nach unten auf 74 Kilogramm korrigiert. „Es handelt sich nur um abgereichertes Uran“, erklärte die zuständige Präfektur. „Deshalb ist das nicht so gefährlich.“ Die Kommission für unabhängige Forschung und Information über Radioaktivität (CRIIRAD) sieht in der Informationspolitik Methode. Wenn bei Unfällen die Strahlung unter dem Grenzwert liege, gebe der Staat die Radioaktivität in Becquerel an. Doch wenn der Grenzwert stark überschritten werde, rede man von Gramm. In diesem Falle werde die für die Zuläufe höchstens zulässige Strahlung von 50 Becquerel pro Liter möglicherweise um das 6.000-fache überschritten.
Den Vorfall dramatisieren will die CRIIRAD aber nicht: „Das Gesundheitsrisiko ist in der Tat gering.“ Das Problem liege in der geringen Sicherheit der Anlage. Erst vier Tage vor dem Unglück hatte die CRIIRAD auf anormal hohe Strahlenwerte und das Müllproblem in Tricastin hingewiesen. Auf dem Gelände lagern 770 Tonnen radioaktive Abfälle aus Militärbeständen. Sie wurden zwischen 1969 und 1976 einfach mit Erde überdeckt. Die Existenz des Müllhügels wurde erst 2002 behördlich erwähnt. Die Erde schütze nicht vor Korrosion, mahnt die CRIIRAD. Jüngst seien Tonnen mit Atommüll vom Regen freigespült worden. Man habe sie gegen alle Regeln neu mit Erde überschüttet.
Am 4. Juli war die Warnung der CRIIRAD noch ungehört verhallt. Jetzt wird sie registriert. Der Uranunfall von Tricastin konfrontiert Frankreich mit der unangenehmen Wahrheit, dass Kerntechnik Risiken birgt. Seit Jahrzehnten gründet das Land seine strategische Unabhängigkeit auf Atomwaffen und Kernkraft. Der Staatskonzern EDF ist mit seinen 59 Reaktoren der größte Atomstromanbieter der Welt.
Die Atompolitik findet dabei in der Bevölkerung breite Zustimmung. Dass eine Lösung für die Endlagerung des Atommülls noch gesucht wird, schlägt keine Wellen. Angst vor der Atomtechnik hat Frankreich nicht, höchstens „Angst vor der Angst“. Als nach der Katastrophe von Tschernobyl eine riesige radioaktive Wolke über Europa zog, machte sie offiziell „um Frankreich einen Bogen“. Erst ein Vierteljahrhundert später gestanden die Behörden ein, dass Frankreich 1986 sehr wohl betroffen war und noch heute Folgen messbar sind.
Die Scheu vor der Risikodiskussion ist geblieben. Als Präsident Nicolas Sarkozy Forscher und Umweltschützer zur Richtungsdebatte über seine Energiepolitik einlud, schloss er die Kernkraftgegner aus. Für ihn bringt die Atomtechnik die Rettung vor der Klimakatastrophe. Seine ganze Energiepolitik richtet er auf den Ausbau der Atomindustrie aus. Außerdem bietet Sarkozy allen Ländern französische Atomtechnik an. Kritik daran weist er zurück, es wäre überheblich, Afrikanern und Arabern nicht zuzutrauen, die Kerntechnik zu beherrschen.
© 2008 Neue Westfälische
Bielefelder Tageblatt (MW), Donnerstag 10. Juli 2008
Und so überheblich ist offenbar keiner, z.B. dem Iran den Umgang mit Kerntechnik nicht zuzutrauen. Das wissen wir ja alle schon länger. Argumentationskettensägenmassaker….