Offener Brief an Anne Will zum Thema Hartz IV Schmarotzer

Bloged in Politik von euro Sonntag Juli 27, 2008
“Hallo und guten Tag Frau Will,

leider erst sehr kurzfristig haben wir vom Inhalt ihrer kommenden Sendung am 27. Juli 2008 erfahren. Wir, das ist das sozialpolitische Bündnis ‘OWL gegen Sozialabbau’ aus der Region Ostwestfalen-Lippe in NRW.

Dazu haben wir ein paar Fragen mit Hinweisen auf bekannte Studien bzw. andere Fakten an Sie und die Mitarbeiter ihrer Redaktion … mit der Bitte, sich mindestens die anfangs genannte Pressemitteilung zur Studie der UNI Leipzig noch vor der Sendung heute abend anzusehen.

(A) Ist Ihnen und den MitarbeiterInnen ihrer Redaktion bekannt, daß die Behauptung von der Existenz einer sog. sozialen Hängematte ein Märchen ist ?
Wissenschaftlich nachgewiesen durch eine Studie an der UNI Leipzig im Jahr 2002, nochmals erinnert an die nachweislich falschen Unterstellungen in der öffentlichen Diskussion vom Leitenden Professor in einer Pressemitteilung ein Jahr später …..

(B) Schon nach dem Titel der kommenden Sendung am 27. Juli 2008 “Kein Geld für Drückeberger - ist jeder Job besser als keiner ?” zu urteilen, scheint das nicht so zu sein. Im Introtext Ihres Blogs liest man diese Unterstellung gleich zu Anfang, mittem im Text findet man den Begriff “Hartz-IV-Karrieren”.

Nachdem sie hier offiziell von uns über die Existenz der Studie von Prof. Vobrubra und seinem Team, UNI Leipzig in Kenntnis gesetzt werden, haben wir folgende Frage an Sie selbst als Moderatorin der Sendung:

Werden Sie in der Sendung am kommenden Sonntag über diese Studie sprechen, Gästen und Fernsehzuschauern über deren Inhalt informieren und (auch) einen möglichen Irrtum in der öffentlichen Wahrnehmung diskutieren ?

(C) Ist Ihnen die Aktion Sieben Wochen leben mit Hartz IV der Diakonie Hannover von Anfang2007 bekannt? In der Zusammenfassung der Erwerbsloseninitiative MALZ aus Minden finden sie Erfahrungsberichte von TeilnehmerInnen, die sich einmütig derart äußern, dass der Hartz IV Regelsatz zwar zum Überleben reicht, ein menschenwürdiges Leben damit nicht möglich ist.

An dieser Aktion in der Fastenzeit hatte auch der Landessuperintendent von Niedersachsen teilgenommen, und schließlich seine Sympathie für das sog. bedingungslose Grundeinkommen geäußert. Zur faktischen Behauptung soziale Hängematte im Titel ihrer kommenden Sendung: Der Landessuperintendent Jantzen teilt nicht die Bedenken, “… dass dann einige aus Bequemlichkeit sagen, ich gehe nicht zur Arbeit”.

Aus welchem Grund berichtet ihr gesellschaftlich-politischer Talk nicht über solche gesellschaftlichen Ereignisse, besonders wo es sich mit der Diakonie um den großen und erfahrenen Wohlfahrtsverband Diakonie handelt ?

(D) Weshalb wird als Titel der Sendung eine rhetorische Frage gewählt, die Faulheit von Erwerbslosen schon als Tatsache hinstellt?
Sind sie sich im Klaren darüber, daß sie ein hohes Risiko eingehen, daß politisch weniger erfahrene Menschen dies als als Tatsachenfeststellung übernehmen und daraufhin glauben, das wäre definitiv so?

(E) Ist Ihnen bzw. in ihrer Redaktion das Schicksal eines jungen Mannes aus Speyer bekannt, der im April 2007 in mitten der großen Stadt vor den Augen seiner Mutter verhungert ist ?
Ihm waren alle Leistungen zum Lebensunterhalt gekürzt worden, was erst durch eine Gesetzesverschärfung vom Sommer 2006 möglich war, die auf einer Behauptung des damaligen Wirtschaftsministers Clement zurückzuführen ist, daß es in Deutschland 20 - 25% Mißbrauch im ALG2 geben würde.

Die Bundesregierung hatte später zugegeben, daß die Sanktionen gegen Andre Kirsch rechtswidrig waren. Eine Anfrage von uns im Büro einer Bundestagsabgeordneten hatte außerdem ergeben, daß die Verschärfung des SGB II für den Hungertod des 21-jährigen Andre Kirsch aus Speyer am Rhein verantwortlich war.

Monate später wurde eine Studie im Auftrage der Diakonie Rheinland bekannt, laut der der Mißbrauch im SGB II um Größenordnungen geringer ist, als vom damaligen Wirtschaftsminister angegeben. Unser sozialpolitisches Netzwerk hatte dazu in einer Erklärung Stellung genommen.

(F) Kennen Sie die Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), nach der Faulheitsdebatten Konjunktur haben und regelmäßig 1 bis 1 1/2 Jahre vor Bundestagswahlen initiiert werden?

(G) Wie bewerten Sie selbst bzw. die Mitarbeiter in ihrer Redaktion die Tatsache, daß die Bundesregierung den Regelsatz bei Einführung klammheimlich gesenkt hat, und zwar um satte 103 Euro, also etwa 30% der Leistungen zum Lebensunterhalt ?
Weshalb wird der Sachverhalt seit Jahren sinkender Kaufkraft des Regelsatzes - vor dem aktuellen Hintergrund kräftig steigender Preise, die nicht durch Erhöhungen ausgeglichen werden - in ihrer Sendung nicht thematisiert?

(H) Unter www.hartz4fakten.malzminden.de sowie www.attac-lokal.de sind Sammlungen harter Fakten seit Einführung des Sozialgesetzbuches II - besser bekannt als Hartz IV - zu finden. Unter www.missbrauchsdebatte. owlgegensozialabbau.de finden sie Wissenswertes zur Missbrauchsdebatte bis Spätsommer 2006.

Ist derartiges Sachwissen bei den Recherchen zur Sendung berücksichtigt worden? Werden Sie auf diese drei Links zu Hintergrundwissen mit sorgfältig recherchierten Quellenhinweisen auf den Internetseiten zur aktuellen Sendung als Verweise anführen?

(I) Wie wird in ihrer Redaktion grundsätzlich gewährleistet, dass die tatsächliche Sachlage zum jeweiligen Thema angemessen berücksichtigt bzw. in der Sendung wiedergegeben wird?

(J) Weshalb ist Arbeitsmoral Gegenstand der Sendung und nicht die sog. Neue Armut, in Deutschland, eine real existierende Notlage von Millionen Menschen, die viel eher die Gesamtheit der Bevölkerung in Deutschland betrifft und interessiert?

Schließlich geht es in einer politischen Talksendung um sachpolitischen Fragen und nicht um Moral bzw. falsche Moral.

(K) Werden sie am Sonntag alle Gesprächsgäste nach der Größenordnung des eigenen Einkommens fragen, um den Zuschauern die Möglichkeit zu geben, die Aussagen jedes Gastes im Zusammenhang der jeweiligen Lebensumstände zu bewerten?

(L) Wie würden sie als Moderatorin persönlich reagieren, wenn regelmäßig einschaltstarke TV-Sendungen erscheinen mit Titeln wie “Weshalb berichten Moderatoren eigentlich so einseitig - werden sie für Propaganda bezahlt?”, es dabei aber Sendungen mit entgegengesetzt lautenden Titel nicht gibt?

Richtig gelesen, darin steckt eine ebensolche umverschämte Behauptung wie in dem von ihrem Redaktions-Team gewählten Titel für die kommende Sendung. Das war in diesem Satz auch so beabsichtigt, soll aber explizit nicht als persönliche Beleidigung verstanden werden.

(M) Wird es in absehbare Zeit eine Sendung geben, die die Notlage von Millionen Menschen angemessen und ihrer Lebenswirklichkeit zeigt, ohne dass irgendjemand daran kürzt, kommentiert oder aus gutversorgter Lebenslage heraus geschönt darstellt ?

Wir bitten Sie Frau Will, uns diese Fragen zu beantworten sowie um ihr Einverständnis, diese Antwort der Öffentlichkeit zur Kenntnis zu geben. Die Unterstellung, Millionen Erwerbslose wären einfach zu faul, ist von einer derartigen Trageweite, daß sie offen und öffentlich diskutiert werden muß und nicht in einem Mailverkehr, von dem nur wenige erfahren.

Aus diesem Grund auch wird die Anfrage als öffentliche Anfrage verfasst und Betroffeneninitiativen, einigen Nicht-regierungsorganisationen (NGOs), sowie Redaktionen der Printmedien zur Kenntnisnahme weitergeleitet und im Rahmen einer Pressemitteilung des Bündnis bei PR SOZIAL eingestellt. Dies geschieht nach sorgfältiger Überlegung im Sinne freier, offener und kritischer Bürgerinformation im einem demokratischen Land.

Wir sind erschüttert, heute wieder eine Diskriminierung und Pauschalverurteilung zu erleben, die in diesem Land schon einmal zu schlimmsten menschenverachtenden Zuständen geführt haben, zu einer Zeit von nur wenigen Jahren, die wohl für immer und ewig in der Geschichte der Menschen verankert sein wird - dem sog. dritte Reich. Die bekanntermaßen aus einer sehr ähnlichen Ausgangslage heraus entstanden ist, Massenarbeitslosigkeit, worauf schließlich Zwangsarbeit eingeführt wurde, der sog. Reichsarbeitsdienst …….

Frau Will, wir fragen Sie und ihre Mitarbeiter persönlich: Wollen wir in Deutschland wieder einen solchen Arbeitsdienst, auf deutsch gesagt Zwangsarbeit?

In dem Land, das zum fünften Mal in Folge - auch aufgrund von Lohndumping und Absenken des Existenzminimum - Exportweltmeister geworden ist, wo der private Reichtum in diesen Jahren, wo Deutschland wirtschaftlich angeblich so schlecht dasteht, unvorstellbare Maße angenommen hat, sich dabei aber in Händen von immer weniger Menschen konzentriert.

Gleichzeitig jedoch wird Einkommensarmut allgemein genauso wie Kinder- und Altersarmut sowie Armut unter Menschen mit einem chronisch Leidenen, ein hohes Maß an Krankheit durch Erwerbslosigkeit und eine sich permanent verschlechtern-de medizinische Versorgung einkommensschwacher Menschen in Deutschland mit einer Kaltblütigkeit hingenommen wird, die unvorstellbar ist.

Ein Gruß aus Minden
Detlef Müller

Ostwestfalen-Lippe gegen Sozialabbau
Sozialpolitisches Bündnis für Orte Bielefeld, Detmold,
Gütersloh, Herford, Höxter, Lemgo, Minden und Paderborn

Endlich sinnvolle Verwendung von Steuergeldern: Vergesellschaftung

Bloged in Geld von euro Sonntag Juli 27, 2008

…von Fehlspekulationen.
Die Hechte im Karpfenteich haben sich so voll gefressen, dass der Teich völlig überfischt ist.
Aber bevor die Hechte auch noch Hungers sterben, soll jetzt der Steuerzahler neue Karpfen finanzieren. Bei uns hat Ackermann nach seinem Papi Staat geheult - in den USA sind es Fannie Mae und Freddie Mac.
[X]
Zur Rettung der Heißluftblase wird mal eben ein Gesetz durch denselben Senat geprügelt, der für Gesetze zur Behebung der Schäden von Hochwasserkatastrophen Jahre benötigt.

Themenabend bei RTL?

Bloged in Humor von euro Sonntag Juli 27, 2008

Habe ich gerade per Mail reinbekommen:

huh
lokale Kopie

(Danke an Colonel D. Bugger)

1000 Augen

Bloged in Politik von euro Sonntag Juli 27, 2008

Ich lasse mich ja ungerne instrumentalisieren. Aber gerade machte es hörbar “Klick!” - ich bin gerade dabei.
Menschen, die wie ich nicht müde werden, gegen BigBrother & Co. zu schreiben, transportieren genau das, wozu es gut ist.
Fangen wir vorne an: Wozu sind Kameras im öffentlichen Raum gut? Verhinderung von Straftaten? Nein. Das wissen wir inzwischen gesichert. Die Kamera in der berühmten Münchner U-Bahn ist zu keinem Moment eingeschritten, als der Rentner so schön medienwirksam zusammengeschlagen wurde. Und dem hat das genau so geschadet, als wenn keine Kamera da gehangen hätte.
Also was?
Der nachträglichen Aufklärung hat es gedient. Man hat die Täter mit Hilfe der Bilder relativ schnell ermitteln können. Also Fahndungserfolg? Als in Oldenburg eine Autofahrerin von einem Holzklotz erschlagen wurde, der von einer Autobahnbrücke geworfen wurde, waren meine ersten Worte nach der Meldung: “Den kriegen sie.”
Ich war selbst mal Polizist. Und die Aufklärungsquote ist seither noch gestiegen - auch ohne Kameras. Die Polizei bedient sich da ganz anderer Mechanismen. Ein befreundeter Kriminalkommissar aus dem Raubdezernat sagte mir, die Aufklärungsquote liege bei über 80% - ohne Kameras!
Also was?
Wie sieht das eigentlich mit der Überwachung der Bilder aus?
Einer Million Kameras müssen schließlich auch eine Million Monitore gegenüberstehen, sonst sind das nur Attrappen. Wer sitzt vor den Monitoren?
Wieviel Monitore kann ein einzelner Mensch sinnvoll beobachten?
Was wenn vor einer Kamera eine Rauferei inszeniert wird, um vor einer anderen ungestört das Rauschgift zu übergeben? Nichts gesehen - alles umsonst.
cctv
(Quelle:[X])
Wo stehen all die Monitore und wer sitzt davor - und starrt der wie ein Kaninchen die Schlange die ganze Zeit die Monitore an? Ganz sicher nicht. Was, wenn er gerade Kaffe holt - oder den wieder entsorgt?
Also sichern mehr Kameras nicht einmal mehr Überwachung. Sie machen es nur unübersichtlicher. Und Menschen, die gucken, wollen dafür bezahlt werden. Das steht nicht auf dem Plan derer, die den Schrott in die Landschaft hängen.
Aber da sind wir schon bei dem ersten wirklich sinnvollen Einsatz der Überwachungstechnik: Sie kostet. Und zwar kostet sie in der Regel Steuergelder. Steuergelder, die sich die private Wirtschaft holt. Firmen die Überwachungstechnik anbieten boomen derzeit. Und sie machen Gewinne. Gewinne, die wir - die Überwachten - ironischerweise mit unseren Steuern auch noch finanzieren.

Jetzt kommen wir endlich zur Instrumentalisierung von unsereinem. Ja, auch von solchen wichtigen Leuten, wie Bettina Winsemann. Denn Aufklärung ist zwar wichtig, transportiert aber im Subtext noch eine andere Botschaft ungewollt mit: “Du wirst beobachtet. Immer und überall.”
Bewusstes Überwachtwerden erzeugt bei simpleren Gemütern auf Dauer Paranoia.
Gewollte Paranoia. Verfolgungswahn, der gar kein Wahn mehr ist, sondern sich in allgegenwärtigen Kameras manifestiert.
Und da kommt die letzte und entscheidende Frage: Wer profitiert davon?

Die Frage lasse ich als Hausaufgabe für die Leser mal offen stehen :-)

Nachtrag: Telepolis Artikel zum Thema: [X]

Jochen gibt den Heine

Bloged in Alte Sachen von euro Sonntag Juli 27, 2008

Wer um 06:03 Uhr einen Artikel ins Blog kotzt [X] noch dazu so einen, steht schon in Verdacht, in der Nacht an Deutschland gedacht zu haben.
Seine Polemik greift dabei nur einen Teilaspekt der NGO Bertelsmann auf und erwähnt einige andere nur am Rande.
Ich wohne 150m Luftlinie vom Führerbunker entfernt und kann jedem Interessierten nur sagen: Es ist alles viel schlimmer!
Frank und ich in unserer Eigenschaft als Auslandskorrespondenten der Netwatcher [X] haben das Thema Bertelsmann Stiftung schon lange auf der Liste.

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