Dankschreiben an die ARD und die Antwort
Das habe ich der ARD geschrieben:
Hallo,
wer immer sich die “Zensur” des Beitrags ausgedacht hat: Herzlichen Glückwunsch und herzlichen Dank im Namen der freien Berichterstattung. Nein, das ist nicht ironisch gemeint. Ich halte es vielmehr für einen Geniestreich! Hätte die ARD das Interview einfach so gezeigt, 1:1, dann hätten wohl sehr Wenige Notiz davon genommen. Auf diese Weise aber - Sinnentstellende Kürzung, Aufschrei der letzten verbliebenen, wirklich unabhängigen Journalisten - nicht zu vergessen der Blogosphäre, und scheibchenweises Rausrücken des gesamten Interviews, hat eine solche “Awareness” erzeugt, wie sie sonst wohl nicht einmal zur Primetime möglich gewesen wäre. Ich glaube, dass jetzt mindestens zehnmal mehr Menschen dieses Interview gesehen, gelesen oder gehört haben.
Darum noch einmal die eingangs erwähnten Glückwünsche und ein aufrichtiges Danke.Leider geht sowas nicht öfter.
Mit freundlichen Grüßen,
Rolf Eustergerling
Und das haben sie geantwortet:
Sehr geehrter Herr Eustergerling
vielen Dank für das kritische Interesse, mit dem Sie unsere Berichterstattung verfolgen.
Zur Richtigstellung verschiedener Punkte möchten wir auf ein Interview hinweisen, das der Deutschlandfunk mit Thomas Roth am 3. September geführt hat.
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/841448/
Außerdem finden Sie im Anhang einen Brief von Thomas Roth, in dem er auf die vorgetragene Kritik an der Kürzung seines Interviews mit Wladimir Putin antwortet.
Wir hoffen Sie bleiben der ARD als Zuschauer gewogen und verbleiben mit Freundlichen Grüßen.
(Name des Redakteurs)
P.S.: Das Interview in der Langfassung: http://www.ardmediathek.de
WDR
Programmgruppe Ausland
50600 KölnTel.: 0221-220 9535
Fax: 0221- 220 6842
Der Anhang (als Winword-Datei….)
Lieber Zuschauer, liebe Zuschauerin,
aus Anlass des Interviews mit dem russischen Ministerpräsidenten haben wir so viele e mails bekommen, dass ich sie leider nicht mehr alle einzeln beantworten kann. Die meisten beziehen sich aber auf den gleichen Sachverhalt, dass wir das Interview unzulässig gekürzt hätten. Dazu ist zu sagen: Wir haben mit der russischen Seite, also dem Pressedienst des Ministerpräsidenten vereinbart, dass wir, sofern der Inhalt es rechtfertigt, in den Nachrichtensendungen der Tagesschau und den Tagesthemen über das Interview berichten und außerdem eine ca 10 minütige Zusammenfassung nach den Tagesthemen senden. Das haben wir selbstverständlich auch getan.
Das Interview selbst war erheblich länger, was übrigens durchaus häufig vorkommt. Fernsehen, Radio, aber auch Zeitungen stellen in einem solchen Fall eine redaktionelle Fassung her, die dann in dem vorbesprochenen Rahmen auch veröffentlicht wird. Mit Zensur hat das nicht das geringste zu tun. Manche e mail Schreiber scheint das zu bewegen.
Ich habe zugelassen, dass das Interview durch mehrere russische Sender begleitet wird und nach einer vereinbarten Sperrfrist (20 Uhr Ortszeit) nach eigener Entscheidung veröffentlicht werden kann. Die russischen Sender haben das in sehr unterschiedlichen Längen getan (von 5 bis zu rund 40 Minuten). Einige haben nur das aus ihrer Sicht wichtigste veröffentlicht. Verpflichtet waren sie nur zur Quellenangabe: Ein Interview der ARD, Erstes Deutsches Fernsehen. Nur zum Verständnis: hätte die ARD Interesse daran gehabt irgendetwas nicht zu veröffentlichen hätten wir uns gar nicht erst auf solche Bedingungen eingelassen. Also nichts durcheinander bringen!
Die etwas eingeschränkte technische Qualität war dem ungeheur hohen Zeitdruck an diesem Abend geschuldet. Hätten wir natürlich gerne noch besser hinbekommen. Der russische Simultanübersetzer ist selbstverständlich ein diplomierter Übersetzer, der schon viele hochrangige Persönlichkeiten, übrigens auch Wladimir Putin, übersetzt hat. Mit etwas weniger Zeitdruck wären wir sicher noch zu einer mehr umgangssprachlichen Übersetzung gekommen, als das an diesem Abend gelungen ist.
Letzter Punkt: Selbstverständlich ist unser journalistisches Interesse, das ganze Interview zu veröffentlichen. Das geschah dann am Dienstag, den 2. September um 6Uhr20 im WDR Fernsehen und es wurde danach auf der webseite www.tagesschau.de auch in schriftlicher Form veröffentlicht.
Allen Bloggern und e mail Schreibern herzlichen Dank für ihre Reaktion. Ausgenommen sind diejenigen, denen es nicht gelungen ist, sich außer schwer nachvollziehbaren Beschimpfungen klar und wenigstens halbwegs höflich zu äußern.
Mit besten Grüßen
Thomas Roth